Sehenden Auges und trotzdem blind?

Fenster haben die wunderbare Eigenschaft, uns vor Augen zu führen, dass wir nie das Ganze sehen können. Focussieren wir das Vordergründige gerät der Hintergrund aus dem Blickfeld, schauen wir dagegen auf das verschwommen Gespiegelte und versuchen es zu begreifen, haben wir kein Auge mehr für das Äußere. Perspektiv-Wechsel beim Sehen ist daher eine gute Übung für die tatsächliche Bedeutung des Wortes: hindurchsehen. Nicht an der Oberfläche der Erscheinungen bleiben, sondern durch das Gewohnte und seine gängigen Erklärungsmuster hindurchsehen, um Bedeutung und Sinn zu entschlüsseln. Das Verstehen der Botschaften der Natur, der Versuch also, durch sie hindurch zu blicken, heißt vielleicht Gott oder Poesie oder Traum. Im modernen Alltag mit all seinem Expertenwissen, Vorgaben, Alternativlosigkeiten, die den Blick verstellen, ist das vielleicht der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant es so schön formuliert, um mit seiner Hilfe Aussagen kritisch zu durchleuchten.   

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