Brave Mädchen ...

Ich bin nie auf einen Baum geklettert, der es mir schwer gemacht hätte. Ich war kein wildes Mädchen und wagemutig auch nicht. Ein Gefühl von Bedauern darüber verspürte ich dennoch nicht. Nur manchmal ahnte ich, dass brave Mädchen eben nicht überall hinkommen und dass da vielleicht irgendwo eine Welt ist, die mir entgeht. Jetzt bot sich mir die Gelegenheit, einmal mühe- und gefahrlos einen Baum bis zur Krone zu erkunden. Hinter unserem Haus in den Auen kippte sang- und klanglos eine riesige alte Eiche um. Kein Sturm hatte sie besiegt, ihre Jahre waren wohl von Anfang an gezählt, ihre Zeit nun einfach gekommen, nachdem der Standort, den sie gewählt hatte oder der ihr beschieden war, halb auf dem Weg und halb im sumpfigen Untergrund, keine Stabilität mehr bot. Nun schlägt die Eiche eine Brücke in das sonst völlig unpassierbare Feuchtgebiet und ich balancierte auf ihrem Stamm durch das üppige Grün, das aus dem rostfarbenen Nass emporwächst und kam leichtfüßig bis zu ihrer dichten Krone. Aber es war kein Triumph über die eigene Ängstlichkeit, kein weiter Blick entschädigte für etwaige Mühe, kein Blätterdach umgab mich schützend. Es entpuppte sich als etwas kläglicher Versuch, der beeindruckenden Größe eines alten Geschöpfes Tribut zu zollen und ihm einen wehmütigen und mitfühlenden Gedanken zu schicken. Vor allem aber war es keine Begegnung auf Augenhöhe und das machte die ganze Aktion ein wenig würdelos. Für die Herausforderung des Bäumekletterns hätte ich mir keinen Gegner wählen dürfen, der bereits am Boden liegt, ich hätte mir einen suchen sollen, der mir etwas entgegensetzen kann, um mich wenigstens einmal mit einem unserer größten Mitgeschöpfe gemessen zu haben. Eine Baumkrone ist beinahe wie ein Ort aus der Buchserie "111 Orte ..., die man gesehen haben muss". Und hinterhersetzen müsste man, "bevor man stirbt", denn wie leise und schnell das manchmal gehen kann, zeigt mir der alte, aber für seine Möglichkeiten doch recht junge Baum.   

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