Komm nicht mit leeren Händen aus dem Wald zurück

Das ist eine Regel, die wir aufgestellt haben und doch immer wieder vergessen. Es geht uns wohl zu gut. Helen und Scott Nearing hätten eine solche Ansage dagegen sicher ernst genommen, als sie in den dreißiger Jahren wie Pioniere aufs Land zogen und ihren alternativen, autarken Lebensstil vorbildhaft für andere perfektionierten. Sie wollten gut leben und darunter verstanden sie in erster Linie ethisch gut: frei und ohne Ausbeutung - von Menschen, Tieren und Natur. Ein hoher Anspruch, der ein weiches bequemes Leben ausschließt. Ich habe mich wie die meisten damit abgefunden, mich täglich schuldig zu machen. Ich fahre Auto (zum Vergnügen), kaufe seltener, aber noch immer in zuviel Plastik verpackte Lebensmittel, verbrauche (überflüssig) Strom, viel zu viel Wasser, konsumiere Dinge, die von schlecht gehaltenen Tieren stammen (Schuhe), trage (secondhand) Kleidung, die unter fragwürdigen Bedingung hergestellt wurde etc. etc. etc., und vor allem: ich begehre nicht auf. Ich weiß es besser und bin doch leise und angepasst und freundlich (meist :-)) und feige in einer Welt, die ein entschiedenes Leben und ein sehr deutliches "Nein" zu unserem gesellschaftlichen und politischen Handeln verlangte. Im Grunde tausche ich Bequemlichkeit gegen Würde und Anstand. Unsere Zeit kommt uns nicht so vor, weil die Krise nicht wie im dritten Reich als Krieg vor der Haustür tobt sondern in kleinen Schritten daherkommt und wir glauben, wir müssten keine Wahl treffen. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich eine Entscheidung wie die Nearings fällen würde? Wären Integrität und gutes Gewissen es mir wert, auf vieles zu verzichten und körperlich härter für die lebensnotwendigen Dinge zu arbeiten? Würde ich mich besser fühlen, wenn ich anständig, dafür aber nicht mehr so komfortabel leben könnte? In jedem Fall würden wir dann nicht mehr läppisch sagen: "Lass uns doch immer etwas aus dem Wald mitbringen." Dann wäre jeder Stecken wichtig, der im Winter das Haus warm hält und die Zapfen zum Anfeuern würden nicht nach Schönheit gewählt. Dann würde ich wohl kaum aus ein paar trockenen Zweigen zum kreativen Zeitvertreib hübsche Arrangements basteln und Werner die Äste, die er nach Hause schleppt, nicht für eine Beetumrandung verwenden sondern zu Brennholz verarbeiten.  

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Kommentare: 1
  • #1

    Nüket (Mittwoch, 13 Juni 2018 14:38)

    GEMACH - GEMACH! Ihr habt einen riesigen Schritt in die richtige Richtung getan, außerdem ist das Bewusstsein und die Erkenntnis vorhanden, wie die Dinge sowohl im Kleinen als auch in der Gesamtheit besser laufen könnten. Ihr überdenkt ständig euren Lebensstil, wie man sehr gut auch an diesem Eintrag lesen kann. Was ins Bewusstsein rückt, wird oft auch in die Tat umgesetzt. Ihr seid schon auf der richtigen Fährte.