Von Glückskindern und Pechvögeln und was man da machen kann

Menschen lieben Erfolgsgeschichten und die Zucchinipflanzen samt sich selbst ausgesähter Kapuzinerkresse im Speckgürtel schreiben eine. Als Glückskinder geboren gehen sie ohne größere Prüfungen durchs Leben. Meine Kohlpflänzchen dagegen könnten ein Lied auf die Ungerechtigkeit der Welt singen und dass man das Pech, das einen verfolgt, auch noch selbst einlädt, nur weil man ist, wer man ist - ein Kohl eben, unwiderstehlich für das elfenhafte Wesen, das bei einem kurzen Stelldichein das Unheil in Form seiner gefräßigen Vorstufe bringt und selbst uninteressiert ist am Elend, das nun seinen Lauf nimmt. Dabei hätten die kleinen Löcher in den Blättern einen Kohl noch nicht tangiert, Eitelkeit gehört nicht zu seinen Untugenden, auch Blessuren in Form künstlerisch anmutender neuer Blattformen durch schwungvoll hineingefressene Bahnen würde er wohl noch stoisch ertragen haben, aber wenn Blatt um Blatt in den Mägen hungriger Raupen verschwindet, dann steht die Existenz auf dem Spiel. Und was macht Mensch beim Anblick dieses ungleichen Kampfes zwischen zwei Ausformungen des selben Universums? Nichts? Hoffen? Eingreifen, um den Lauf der Welt zugunsten des einen, des anderen oder des eigenen Nutzens zu beeinflussen? Ein moralisches Dilemma, dem man sich nicht entziehen kann. Die Natur holt sich ihren Teil, so oder so. Wenn man ihr aber im vorauseilenden Gehorsam entgegenkommt, die Rechnung bezahlt, bevor sie eingefordert wird, ein Opfer auswählt und mit scheinbar selbstloser Absicht darbringt, kann man vielleicht das Blatt doch zu seinen Gunsten wenden? Opferhandlungen sind ein im Mantel der Bescheidenheit daherkommender kluger Schachzug unserer frühen Vorfahren, das Schicksal gnädig zu stimmen, sich nur den Teil zu nehmen, den Mensch ihm auswählt und ihm dafür den Rest zu überlassen. Es muss wohl von Erfolg gekrönt gewesen sein, denn Opfer bringt man trotz Aufklärung und Abgeklärtheit bis heute. Auch ich werde es ausprobieren und im nächsten Jahr eine neue Kohlgemeinschaft unter Vlies ziehen und der Natur in der Gestalt eines Schmetterlinges mit dem bezeichnenden Namen Kohlweißling ihren Tribut mit zwei, drei Pflanzen zollen, die ich nach draußen stelle.       

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Kommentare: 1
  • #1

    G. (Dienstag, 03 Juli 2018)

    Es wieder ein so einzigartiges Lehrstück, das Du bei der Betrachtung Deinen Pflänzchen entwickelst, einmalig. Meine eigene Schlussfolgerung ging sogar soweit zu denken, ohne Opfer kein Leben- ein weites Feld...