Totgesagte leben länger

So hatte ich es mir vorgestellt. Zarte Ranken von Kapuzinerkresse umspielen ein knorriges Arrangement aus Baumwurzeln und Ästen. Dass sich allerdings mein vorweggenommenes Bild nun tatsächlich noch materialisiert hat, grenzt an ein Wunder. Widerstände gab es genug: Die im Frühjahr hoffnungsvoll in die Erde geschobenen Samen der Ernte des letzten Jahres entwickelten sich nämlich erst einmal gar nicht und als es dann doch wenigstens zwei, drei der zahlreichen Körnchen (die anderen füllten vielleicht den Magen einer Wühlmaus?)gelang zu treiben und vorsichtig aus dem Boden zu schauen, wurden sie von Eichhörnchen als Leckerbissen entdeckt und bis auf Stumpf und Stiel abgeknabbert. Und das so oft, dass ich irgendwann den Glauben daran verlor, aus derart gebeutelten Geschöpfen noch etwas werden zu sehen. Daher ließ ich meinen Blick fortan ignorant über das Elend schweifen und erfreute mich an erfolgreicheren und vom Glück begünstigteren Pflanzen. Fast vergaß ich sie und wenn mein Auge doch einmal auf sie fiel, saß mir die anfängliche Enttäuschung noch im Nacken und verhinderte, sie wirklich wahrzunehmen, geschweige denn, Hoffnung in sie zu setzen. Als dann auch noch Kohlweißlinge, die sich bereits meiner Kohlpflanzen vernichtend bemächtigt hatten, die Kresseblättchen scheinbar harmlos umtänzelten und mir erste Löcher auffielen, resümierte ich wenig tröstlich über die Ungerechtigkeit der Welt und wandte mich endgültig von dem Trauerspiel ab. Daher hätte ich nicht überraschter sein können, als die oftmals Totgesagten es doch noch bis zum Rand der archaischen Umrandung schafften und von dem unerwarteten Erfolg beflügelt sich plötzlich rasant entwickelten, um nun das tote Holz so spielerisch zu umranken, als hätte es nie eine Widrigkeit auf ihrem Lebensweg gegeben.

Und die Moral von der Geschicht, wegschauen hilft trotzdem nicht. 

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