Kartoffeln stoppeln

Die Kartoffelfelder, die am Rand unserer üblichen Anouk-Rundwege liegen und uns in den letzten Monaten mit ihrem kräftigen Grün und später mit ihren kleinen weißen und lilafarbenen Blüten erfreut haben, sind nun abgeerntet. Der Boden ist staubig und sieht verwüstet aus. Vertrocknete Reste des Kartoffelkrauts liegen verstreut auf dem Boden. Ein trostloser Anblick, der durch nichts gemildert wird als das Wissen, dass sich in den langen Reihen, die nun durch die Spuren des Erntefahrzeuges vorgezeichnet sind, etliche von der Maschine verschonte oder von den auf ihr arbeitenden Erntehelfern aussortierte Kartoffeln finden lassen. Daher beschlossen wir, uns zum Ausgleich für die bis auf weiteres entgehende Schönheit am Wegesrand, an den vom Bauern verschmähten Resten schadlos zu halten, zogen los und stoppelten Kartoffeln. Einen Korb voll trugen wir sofort zufrieden nach Hause, noch einmal so viel verscharrten wir im Sand für den nächsten Tag. Dass selbst Geerntetes jedem käuflichen Produkt überlegen ist, muss nicht betont werden. Die Backkartoffeln am Abend mit einem Dip aus Erdnussmus, Bärlauch und Knoblauch waren köstlich und toppten für uns jedes perfekte Dinner. Das aber nur deshalb, weil wir genauso ticken wie unsere tierischen Verwandten und wofür unsere Anouk ein gutes Beispiel bietet. Findet sie draußen ganz allein unter Einsatz ihrer Nase auch nur einen Kanten Brot, wird er mit Hochgenuss verzehrt, muss sie Fitzelchen Fleisch mühsam vom Knochen nagen, ist es jede Anstrengung wert, bekommt sie ihr Essen dagegen im Napf bequem serviert, streicht sie uns nachher unausgeglichen um die Beine und hofft auf eine Rangelei. Oder wie das Äffchen, das von Jean Liedloff aufgezogen wurde und das, wenn es seine Banane schon fertig geschält und zerdrückt kredenzt bekam, später irgendetwas Essbares in ein Stück Papier wickelte, es liegen ließ, um es nach einiger Zeit unter Überraschungs- und Begeisterungsrufen zu "finden", es entzückt auspackte und zufrieden einen kleinen Bissen nahm. Und natürlich weiß man es von Säugetier- und damit von Menschenbabys, dass wenn sie ihre Milch ohne angemessene Aktivierung des Saugreflexes erhalten, wohl satt werden, aber unbefriedigt bleiben. Wird die Reihe der aufeinander folgenden und sich bedingenden Notwendigkeiten auf dem Weg zum Vergnügen zu sehr zerlegt, die Erwartungskette unterbrochen, fehlt der innere Zusammenhang. Dann bleibt eine leere Stelle, die irgendwie gefüllt werden muss. Das merkt der Einzelne meist nicht mehr, die Erde merkt es aber wohl, dass sich ein Haufen unausgeglichener, Ersatzbefriedigungen suchender Wesen auf ihr tummeln.  

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