Lesesteine

Lesestein ist ein wunderbares Wort. Verstaubte Bibliotheken liegen jetzt nach der Ernte auf den Äckern und zeugen von Kälte und Gletschern und weiten Reisen. Gedächtnisse der Erde. Farben, Maserung und Schichten erzählen dem, der sich auskennt, ihre Geschichten und wer genug Phantasie hat kann sie auch ohne Wissen als inneres Bild wieder beleben. Vielleicht haben Ulla Hahn solche Steine in ihrem Roman "Das verborgene Wort" zu dem Begriff "Buchstein" inspiriert. Steine, die die kleine Hildegard unermüdlich sammelt und so lange vor Augen hält, "bis sie heraufstiegen aus den steinernen Zeichen, die schönen Frauen und Männer, Kinder und Tiere, Feld und Wald ..., alles, was ich mir vorstellen konnte." Ihr Schutzengel hat die Steine für sie beschrieben und mit ihrer Hilfe ringt sie ihrem Kopf Wörter ab und Geschichten und weiß, sie sind wahr, denn sie hat sie ja gelesen. Sie muss sich nicht abfinden mit der Enge und Lieblosigkeit, die sie umgibt. Sie malt sich aus was ihr gefällt und als sie merkt, dass auf den Steinen nur Wörter stehen, die sie schon kennt, hat sie bereits genug Kraft geschöpft, sich auch ihr eigenes Leben auszumalen. Argumente aus Mangel an Phantasie - so war es doch schon immer, so ist der Mensch, allein kann ich eh nichts ändern - würden sie nicht beeindrucken. Sie wüsste, alles ist möglich, was man sich ausdenken kann und träumen ist, sich vorwärts zu erinnern. 

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