Ein Apfelbäumchen pflanzen

Wenn man aus der Großstadt kommt, muss man sich erst daran gewöhnen, dass überall Essen herumliegt. Die Apfelbäume an den Feldwegen tragen auch dieses Jahr gut, Kartoffeln kann man stoppeln, Möhren, Rote-Bete und Zwiebeln finden sich nach der Ernte auf den Feldern. Im letzten Jahr standen die Kohlköpfe auch nach der Reife weiter auf den Äckern und wurden entweder von den Schafen, die man eigens dorthin trieb, gefressen oder gleich untergepflügt. Ich hätte Unmengen Sauerkraut oder Rotkohl-Kimchi für den Winter einlegen können. Ich könnte mir einen Spaß daraus machen, jeden Tag die Mahlzeit des Tages zu sammeln. Schnell würde man lernen, was Wald und Feld sonst noch zu bieten haben. Wildkräuter, Samen, Nüsse. Man wäre achtsamer und näher an den wesentlichen Dingen. Früher las ich Pearl S. Bucks "Die gute Erde" und bewunderte die chinesische Bäuerin O-lan, die jeden Morgen sparsam und aus eigenem Antrieb das Haus verlässt, um Reisig und Dung als Brennmaterial zur Zubereitung der täglichen Mahlzeit zu sammeln. Die paar Münzen, die sie dadurch spart, dass kein Brennholz gekauft werden muss, hatte eine Bedeutung für die arme Bauernfamilie und ihre zupackende und kluge Haushaltung trug ihr die Achtung der Familie ein. Wie einfach waren die Bedürfnisse und wie klar die Wege zu ihrer Befriedigung. Wenn ich heute heizen will oder Essen zubereiten, komme ich nur schwer umhin, eine ganze Menagerie dienstbarer Geister in Anspruch zu nehmen: Den Stromkonzern samt Maschinenpark, Logistik und Angestellter. Ohne es zu wollen, bin ich beteiligt an Atomkraftwerken oder dem Abroden des Hambacher Forstes. Wenn ich ein Lebensmittel im Supermarkt erwerbe, kommt es oft von weit her, ein Bauer, dessen Lebensumstände ich nicht kenne und dem womöglich durch Konzerne unwürdige Bedingungen diktiert werden, hat es erzeugt, das Gemüse/Obst reiste im Flieger samt Pilot und Crew. Transportunternehmen, Lageristen, Fahrer, Verkäufer etc. übernehmen den Rest und mich kostet es dann am Ende vielleicht nicht einmal einen Euro. (Der Gedanke ist nicht neu oder exklusiv, aber man kann ihn sich nicht oft genug vor Augen führen und zuletzt habe ich ihn im Buch "Genug ist Genug" von Marianne Gronemeyer - viel besser ausgeführt - gelesen.) Bequem ist dieses Leben schon, aber ist es auch besser? Macht es mehr Freude? Wieviel sicherer ist es geworden? Und was ist mit dem schlechten Gewissen, das ich zwangsläufig wie eine Erbsünde mit mir herumschleppe und dem ich mit einfachen Kräften nicht entkommen kann?

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Kommentare: 1
  • #1

    Nüket (Donnerstag, 18 Oktober 2018 14:18)

    Meine Antworten auf deine Fragen:
    1. Jein.
    2. Nicht unbedingt, wenn die äußeren Umstände nicht stimmen.
    3. Überhaupt nicht, wenn man selbst in seinem eigenen Konsulat abgeschlachtet werden kann. Machen wir uns nichts vor, das war's aber auch noch nie!
    4. Wer ein Gewissen hat, fühlt sich schlecht und versucht sein Möglichstes, wenigstens in kleinen Schritten etwas besser zu machen.