Süß

Es soll Großstadtkinder geben, die nicht wissen, woher die Milch kommt. Bestimmt aber gibt es Großstädter, die nur eine unvollständige Vorstellung davon haben, wie der Zucker in die Tüte kommt. Hier wächst er auf den Feldern soweit das Auge reicht, d.h. natürlich die Knolle, aus der er gewonnen wird. Nach der Ernte türmen sich Gebirgszüge aus Zuckerrüben am Rand der Äcker und vermitteln eine Ahnung von der Bedeutung des süßen Stoffes für unsere Ernährung. Zu verdanken ist sie einem deutschen Chemiker, der den hohen Zuckergehalt der Rübe entdeckte und damit den Weg bereitete, ein vormals exklusives Importgut in ein für Jedermann erschwingliches Genussmittel zu verwandeln. Inzwischen ist Zuckerzeug allgegenwärtig und dass auch bei ihm die Menge das Gift macht eine geläufige Erkenntnis. Das Schmankerl mutierte zur verbotenen Frucht. Wer heute "sündigt", meint meist das Essen: zu üppig, zu süß, zu fett. Mit der Unschuld ist's vorbei. Grenzen, früher schlicht vom Mangel diktiert, muss sich nun jeder selbst setzen. Eine Tortur, denn unsere Gene, die noch Hungerperioden erinnern, für die es sich zu wappnen gilt, sprechen eine andere Sprache. Man liegt im Kampf mit sich selbst. Wer da den Puritaner, eine Untergruppe des Selbstoptimierers, in sich wecken kann, ist klar im Vorteil. Er stählt seinen Charakter und panzert die Seele gegen Versuchungen aller Art. Der Gewinn bleibt zweifelhaft. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lamamama (Donnerstag, 29 November 2018 15:49)

    Liebe Frau Mertens, ich hatte gleich das Gefühl, dass Sie angenehm anders sind :-) Interessant, wie jemand "von außen" das Landleben wahrnimmt. Liebe Grüße, auch an Anouk

  • #2

    Anja (Freitag, 30 November 2018 07:55)

    Die Begegnung beim Spaziergang schwang auch in mir noch lange nach. Danke für das gute Gespräch, das Gefühl des Gleichklangs und dass Sie diese Seite gefunden haben. Bis bald und liebe Grüße zurück!