Mit Glanz und Gloria

Wie gut, dass Darwins Erben mir die Welt erklären, auch die meiner herrlichen Amaryllis, die ich geschenkt bekam und die jetzt zur Winterzeit unser Häuschen weihnachtlich schmückt. Sie ist die Muse der Dichter, ihre Schönheit inspiriert die Liebenden, sie spendet Trost und gibt Zuversicht. Doch dem Evolutionisten bedeutet das alles nichts. Für ihn ist die Schönheit der Blume ohne Belang. Sie gilt lediglich als unbedeutender Nebeneffekt rein funktionaler Merkmale, die der Fortpflanzung dienen. Meine Amaryllis hat es nämlich auf Vögel, genauer Kolibris, abgesehen, mit denen sie die Geschichte von den Blümchen und den Bienen nacherzählt. Und Kolibris sehen nun einmal rot (am besten). Darauf hat sich die Familie Amaryllis in einer langen verlustreichen Entwicklung eingestellt, bei der es um Konkurrenz, Anpassung und Auslese gehen soll. Nun trägt sie ihre einladend gebogenen Kelchblätter rot und lädt mit ihnen die im Schwirrflug vor ihr verharrenden Vögel zum Nektar. Eine Erfolgsgeschichte, die über das Ziel hinausschießt. Solch satte Farben mit einem so samtigen von zahllosen kleinsten orange-goldenen Leuchtpartikeln erzeugten Glanz, die vollendete Form des Kelches, die elegant geneigten Blätter - all die Schönheit hätte nicht Not getan. Der kleine Vogel will essen, die Blume sich fortpflanzen. Hauptsache rot und Platz für den Schnabel des winzigen ebenfalls überbordernd prachtvollen Flugkünstlers. Ein Vogel tritt nicht unter Verweis auf ein ihm versprochenes Paradies in den Hungerstreik. Er nimmt, was er bekommen kann und wo er es findet. Was treibt meine Amaryllis also zu ihren ästhetischen Höhenflügen und was den Kolibri zu seiner beinahe überirdischen Schönheit? Vielleicht sind es ja seine Namen, die uns einer Antwort näher bringen: Sonnenengel, Elfe, Nymphe - Abbilder aus einer anderen Sphäre, die nicht mit Kosten und Nutzen rechnet, in der Überfluss und Freigibigkeit, Glanz und Gloria regieren.   

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