Wenn es denn genügen würde ...

Unweit unseres Häuschens verläuft der Jakobsweg. Wir gehen ihn mit Anouk gewohnheits- mäßig, so dass wir die Schönheit am Wegesrand nicht immer bewusst wahrnehmen. Wenn aber die wilden Gänse in Scharen auf den Wiesen weiden oder ein Paar Kraniche in trauter Zweisamkeit miteinander trompetet, entgeht uns das nicht. Auch die Ponys, Kalt- und Warmblüter in ihren Koppeln streifen wir mit mehr als einem Blick und seit ihnen gegenüber eine riesige Herde Galloways auf einem Feld Einzug gehalten hat, das vor zwei Jahren noch ein Gemüseacker war, gibt es ein weiteres Highlight auf dem Weg. Die alte Wassermühle mit ihrem imposanten Holzrad liegt fast am Ende unserer Strecke und wird, weil der Bach mit seinem Strömen und Plätschern, den Wirbeln und Lichtreflexen immer unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie selbstverständlich in ein kurzes "oh, wie schön ist das hier" mit einbezogen. Die Krönung ist aber jedes Mal das Ehepaar Gans, das ein vielleicht drei- bis viertausend Quadratmeter großes Refugium samt Häuschen und Teich sein Eigen nennt und dort als Selbstversorger lebt. Dass sie sich lieben, ist offensichtlich. "Wo du hingehst, will auch ich hingehen, wo du bleibst, da bleibe auch ich", scheint ihr Leitspruch zu sein, denn allein sieht man sie nie. Sie durchschreiten ihre rund dreißig Jahre wie ihren Garten: Unaufgeregt, sorglos, souverän und zufrieden. Ihr täglich Brot finden sie im Vorübergehen. Arbeit kann man das nicht nennen. Sie baden in Zeit, können träumen und schauen und die Liebe zum Anderen macht auch die Seele satt. So wenig sie haben, es fehlt doch an nichts. So viel wir haben, es mangelt noch immer. Genug ist uns nie genug, Getriebene bleiben wir und beneiden ein Paar Gänse um ihr bescheidenes Glück.          

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    G. (Mittwoch, 23 Januar 2019 08:19)

    Alte Heidjerweisheit: nauch is beda as tauväl = genug ist besser als zuviel