Volksentscheid

Karl Marx hätte seine helle Freude daran. Gestern durfte ich Zeuge einer wahrhaft demokratischen (Volks-)Entscheidung werden. Hinter unserem Haus am Rand der Schonung hatte ein Bienenschwarm als Traube - mit der Königin in ihrer Mitte - Zwischenstation gemacht. Bald stiegen Hunderte Kundschafterinnen empor, um in immer größer werdenden Kreisen in alle Richtungen auf der Suche nach einem geeigneten Nistplatz auszuschwärmen. Ihr pausenloses Kommen und Gehen, das kurz darauf einsetzte, unterrichtete die wartenden Arbeiterinnen per abstrakter Tanzsprache über jede relevante Ermittlung und ermöglichte es dem Schwarm so, alle Einzelinformationenen zu einem gemeinsamen Wissensstand zu bündeln.

Wie viele potenzielle Nistplätze gefunden wurden, ob geeignete darunter waren, nach welchen Kriterien eine einzelne Biene beurteilt, welcher Platz als neues Zuhause taugt und woher sie das weiß, das alles bleibt ihr Geheimnis. Am Ende aber fällt die Gemeinschaft der Arbeitenden in einem ausgeklügelten Abstimmungs- und Abwägungsprozess eine Mehrheitsentscheidung, die als Schwarmintelligenz die Klugheit jeder einzelnen Beteiligten übertrifft. Ist die Wahl getroffen, löst sich die Traube langsam auf und zieht ohne Zank und Streit weiter, entweder um sich andernorts umzusehen oder ihr neues Heim zu beziehen. Vielleicht hat Marx von der Natur gelernt, als er proklamierte, alle Macht müsse vom Volke, den kleinen Leuten ausgehen oder wie er es nennen würde, vom Proletariat, und nicht von einer Elite. Die Königin nämlich hat kein Mitspracherecht beim Entscheidungsfindungsprozess und fügt sich widerstandslos der höheren Intelligenz ihrer arbeitenden Bevölkerung. Das dient auch ihr. Warum das bei Bienen so einfach, bei uns Menschen so schwer funktioniert? Sie halten alle zusammen, keine hält ihr Wissen zurück, um ihr eigenes Süppchen zu kochen und sich Vorteile zu verschaffen und dadurch die richtige Entscheidung zu gefährden. Nicht Konkurrenz belebt das Geschäft sondern das Interesse aller macht stark. Daher können sie sich auch eine fette Königin leisten, die dem Staat nicht vorsteht, aber ihn vorbildlich repräsentiert.   

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Kommentare: 2
  • #1

    Nuriel (Dienstag, 07 Mai 2019 09:41)

    Schöner Beitrag. Warum manches bei den vermeintlich "dummen" Tieren besser funktioniert als bei der "hochintelligenten" Art Mensch, frage ich mich auch regelmäßig. Vermutlich fehlt nur der uneingeschränkte Gedanken der Gruppe...

  • #2

    Nuriel (Dienstag, 07 Mai 2019 09:42)

    Ach, und wunderschöne Bilder!