Neue Perspektive

Es begann, wie meist, harmlos und hoffnungsvoll. Als unsere Eltern sich ihr erstes Auto kauften, ahnten sie nichts Böses, konnten unschuldig die Vorzüge beim Transport und die Erweiterung ihres Möglichkeitsraumes genießen. Kaum fünfzig Jahre später sieht die Situation völlig anders aus: Mobilisierter Individualverkehr ist zum Selbstläufer geworden und Standard in unserer Gesellschaft. Er bestimmt unseren Aktionsradius und unser Lebenstempo. Autos verstopfen die Städte, verpesten die Luft, zerstören die Stille, Lebensräume werden versiegelt, Straßen zerschneiden Landschaften, die auf Schnellstraßen dahinjagenden Pkw's bedrohen Tiere wie Schnellfeuergewehre und Tausende Menschen sterben jedes Jahr im Straßenverkehr. Den Zeitpunkt, an dem sich das Gute gegen uns gewendet hat, verpassten wir wie üblich. So ist das mit schleichenden Prozessen: Der Frosch ist tot bevor er merkt, dass das Wasser zu heiß ist. Also nichts wie raus hier, dachten wir und beschlossen, ohne Auto zurecht zu kommen. Da aber gute Gründe dem Vorsatz  dienlicher sind als alle negativen Aspekte zusammen, sammelten wir zunächst Pluspunkte fürs autofreie Leben. Und die sind so gewichtig wie simpel: Man spart Zeit und Geld. Tanken, waschen, saugen und pflegen, zur Inspektion bringen, TÜV abnehmen und Reparaturen durchführen lassen, Versicherungsbeiträge überweisen, Steuern begleichen, Strafzettel bezahlen und für all das erst einmal arbeiten gehen ... ein Rattenschwanz der Verpflichtungen, von denen man frei wird. Und ob die dem Auto gewidmete Lebenszeit aufgewogen wird mit bequemen, schnellen, manchmal aber auch voreiligen, vielleicht sogar überflüssigen, nur zum Zeitvertreib durchgeführten Fahrten? Ist ein Leben auf dem Sprung wirklich lohnender als ein sesshafteres Ruhen im Hier und Jetzt? Mancher hat nicht die Wahl, mancher glaubt sie nicht zu haben und mancher will auch nicht. Aber als Gedankenexperiment oder Rechenexempel zum Gewohnten ist Haben oder Nichthaben zumindest Wert durchgespielt zu werden. Bei uns jedenfalls ging die Rechnung auf und Ersatz fürs Auto sind nun Liege-Lastenräder. Statt mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt zu eilen und dabei die Weite des Raums zu erobern, eignen wir uns nun tiefergelegt wie aus Kinderperspektive das Kleine, die Details an, können das Tempo bis zum Stillstand drosseln, vertieftes Gucken üben und nichts wirft uns aus dem Sattel. Langsamkeit bleibt ungestraft, wir sitzen und sitzen aus, was uns gefällt. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ursula (Montag, 06 Mai 2019 11:50)

    Liebe Anja, es ist echt toll und bewundernswert, dass ihr Euch das autofreie Leben vorgenommen habt und ausprobiert...! Ich wünsche Euch von Herzen viele gute und spannende neue Erfahrungen! Hoffentlich hören wir darüber nochmal voneinander und können uns ggf. austauschen... - ich vermisse unsere Gespräche am Dienstag Vormittag! ;-)
    Viele liebe Grüße an Euch beide von Ursula