Sachensucher

Wer ein guter Selbstversorger werden will, der kommt nie mit leeren Händen nach Hause. Aus dem Wald bringen wir Zapfen und Stöckchen zum Anfeuern, Birkenrinde als Anzünder, für die Beete einen Stein, eine schöne Wurzel oder den Ableger einer Wildpflanze mit, auf den Wiesen und den Wegrändern pflücken wir Vogelmiere, Knoblauchsrauke, Tellerkraut und Klee für einen Salat, sammeln Giersch und Brennessel als leckeres Gemüse. Das ist für uns schon selbstverständlich geworden. Schwieriger wird es, wenn wir in den Ort müssen, wie es gestern wegen eines zu frankierenden Briefes der Fall war. Die Wegränder sind aufgrund der zahlreichen dort Gassi geführten Hunde für die Ernte von Wildpflanzen tabu und auch das vermehrte Verkehrsaufkommen macht das Kraut am Rand nicht besser. Je näher wir dann dem Ort kommen, desto befestigter werden die Wege bis die plattierten Gehsteige im Dorfkern gar nichts mehr hergeben. Aber ein findiger Sachensucher wird auch unter erschwerten Bedingungen fündig: Auf der Strecke liegt nämlich der Friedhof mit seinem auf der Grenze platzierten und daher unauffällig zu inspizierenden Kompostbehälter, der oft wahre Schätze lebendiger Pflanzen birgt, deren einziger Fehler es ist, überflüssig geworden zu sein. Dann kann es Glückstage wie gestern geben: Ganz oben in der Kiste lagen ein gutes halbes Dutzend unversehrter Stiefmütterchen und Hornveilchen. Trotzdem hatten wir es nicht eilig sie zu retten, denn in einem Dorf kommt einem so schnell niemand zuvor. Die Anlage zum Sachensucher erwirbt man nämlich in Städten. Während man auf dem Dorf seinen guten Ruf pflegt, kann sich dort die ungenierte Großstadtseele entwickeln, die es möglich macht, sich am Abfall anderer zu bedienen. Daher gingen wir zunächst unbesorgt unseren Erledigungen nach, holten uns im Anschluss einen Karton im Lebensmittelgeschäft und sammelten auf dem Rückweg die Pracht gelassen für die heimischen Beete ein. Als wir dann auch noch wenige Schritte weiter am Rand der Wiese gegenüber auf einen so seltenen Fund wie wild gewachsenen grünen Spargel stießen, war unser Glück vollkommen. Drei Stangen der seltsam spirreligen Pflanze waren erntereif und haben uns sehr klein geschnitten und mit Giersch verfeinert im Reis ganz wunderbar geschmeckt.          

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Kommentare: 1
  • #1

    Nüket (Donnerstag, 23 Mai 2019 12:09)

    Ja, die Bioabfalltonnen der Friedhöfe können wahre Schatzgruben sein, da habe ich auch schon mach eine Pflanze oder abgeschnittene Zweige ein zweites bzw. weiteres Leben geschenkt und mich an ihrem dankbaren Liebreiz erfreut. Dabei frage ich mich stets: Wann werden wir das "LEBENDIGE" schätzen lernen?