Abreißblock

Das Leben hier im Wald und nun auch ohne Auto, das einen allzu schnell ganz nach Lust und Laune zur Abwechselung irgendwo hinbringt, ist von wenigen Eindrücken geprägt, die dafür aber - jetzt im Sommer besonders - um so schöner sind. Im Garten blüht und wächst es, dass man beinahe zuschauen kann, der Duft von Flieder hängt in der Luft und auf den Wiesen riecht es warm nach Gras und Kräutern, die kniehoch wuchern, so dass ich auf der Suche nach den richtigen Wildpflanzen für Salat und Gemüse wie durch einen See wate. Und dann ist da noch überall der Nachwuchs: Kälbchen und Lämmer auf der Weide, die jungen Füchse und das Drosselnest mit seinen piepsenden Küken im Holzschuppen. Wüsste man nichts von der Welt da draußen, man könnte meinen im Paradies zu leben. Die Seele ist zufrieden und vielleicht deshalb offen im Sinne des Wortes. Diesen Unterschied des Offenseins zu früher, als wir uns noch durch den Großstadtdschungel bewegten, empfinde ich inzwischen sehr stark. Und es sind die Kleinigkeiten, an denen es mir bewusst wird. So eben gestern. Werner bekam eine Lieferung Blutbuchensprösslinge zur Bepflanzung seines Walls zum Nachbargrundstück. Sie waren sorgfältig in viele Lagen festen Packpapiers gehüllt. In Berlin hätte ich den ganzen Haufen achtlos zusammengeknüllt und rasch im Hinterhof in den Papiercontainer gestopft. Aus den Augen aus dem Sinn. Nicht noch mehr ... Müll, den man bewegen muss, der den Wohnraum verstopft, der das Gewissen drückt. Umgeben von viel zu vielen Dingen und Eindrücken, die alle Aufmerksamkeit einfordern, hatten wir irgendwie dicht gemacht, uns seelisch abgeschottet. Jetzt begegnen wir dem Verpackungsmüll, wie allem, das von außen kommt, anders, achtsamer wohl. Plastik z.B. fühlt sich hier verkehrt an, nicht nur weil das Problembewusstsein gewachsen ist, sondern weil er einfach nicht hierher gehört, sozusagen artfremd ist in diesem Garten. Und das Papier? ... "Ist doch zu schade zum Wegwerfen, oder?" fragte ich Werner und er, pragmatisch wie immer, meinte: "Nimm's doch zum Anzünden." Und so entstand der Abreißblock. Beim gemeinsamen In-Stücke-reißen und Sinieren, wie sich das Papier wohl praktisch und dekorativ beim Kamin lagern ließe, fiel mir zunächst der Dorn aus alten Büros ein, auf den sich Bons oder Quittungen aufspießen lassen; oder sollte ich mir die Mühe machen und mit einer dicken Nadel ein Band durch die Blätter ziehen, um sie, wie früher die dreieckigen Obsttüten beim Krämer, an die Wand zu hängen? Dann endlich erinnerte ich mich an die schönen Schraubzwingen, die ich vom letzten Sperrmüll mit nach Hause brachte und für die ich schon lange eine sinnvolle Verwendung suchte. Nun halten sie die Packpapierblätter fest eingespannt zum Anfeuern bereit und später zum selben Zweck in Streifen gerissene Regionalblättchen.  

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Kommentare: 1
  • #1

    Julia (Donnerstag, 30 Mai 2019 08:38)

    Geniale Idee. Und wunderschön zugleich. Liebe Grüße an Euch!