Schneeweißchen und Rosenrot

Märchen habe ich während meiner ganzen Kindheit gelesen und "Schneeweißchen und Rosenrot" gehörte zu einer meiner Lieblingsgeschichten. Nicht wegen der Abenteuer mit dem garstigen Zwerg, dem die beiden Schwestern drei Mal aus der Klemme helfen und doch nur Undank ernten, schon gar nicht wegen der Prinzen, denen ich vorwarf, den Mädchen das idyllische Leben im Wald zu verderben, indem sie sie erst ins Schloss und dann unter die Haube bringen und auch nicht wegen der Schätze und Edelsteine der raffgierigen Zwerge, mit denen sich das sorglose königliche Leben bestreiten ließ. Schön fand ich die Erzählung deshalb, weil die Schwestern mitten im tiefen Wald in der einsamen Hütte ihrer Mutter mit einem warmen Feuer im Kamin, einem Lämmchen, einer Taube und einem wilden Bären zur Gesellschaft leben dürfen und trotz dieser Behaglichkeit, die in meinem Kopf ein Bild entstehen ließ, das bis heute unverdorben durch Verfilmungen erhalten ist, nicht verwöhnt und träge werden, sondern immer wieder in die Welt ziehen. Und ihre Welt das ist der Wald, in dem sie voller Vertrauen, dass ihnen nichts passieren kann, ganz allein umherstreifen. Die scheuen Waldtiere legen vor ihnen alle Furcht ab und auch die Nacht verliert ihre Schrecken, wenn die Schwestern unterm Sternenhimmel von ihrem Schutzengel vor Abgründen bewahrt, bis zum nächsten Morgen schlafen. Das ist der Stoff, aus dem meine und vor mir vieler Kindergenerationen Träume gemacht wurden und vielleicht sind es diese frühen intensiven Vorstellungen vom Leben, die eine Sehnsucht wachhalten. Wer es kann, folgt ihr durchs Leben wie einem roten Faden und wen es dann in ein Blockhäuschen in einem Kiefernforst am Rande eines Dorfes verschlägt, dem war das Glück schon hold. Zur Erinnerung daran stehen zwei Azaleen wie Schneeweißchens und Rosenrots Rosensträucher vor unserer Terrasse und rufen zur Zeit der Blüte das alte Märchen in mir wach.       

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Kommentare: 1
  • #1

    Nüket (Samstag, 01 Juni 2019 18:32)

    :) :) so kann man das Märchen auch interpretieren. Sieh es doch so, dass beide Mädels mit ihrer Reinheit, Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft bestimmt nur gutes für ihr Königreich getan haben und es allen gut ging. Sie konnten später ihren Kindern von ihrem einst einfachen und doch erfüllten Leben erzählen und somit in ihnen die Sehnsucht nach Freiheit außerhalb der Schlossmauern wecken.