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Geklopft, nicht geschüttelt

Der als Ersatz für den Staubsauger angeschaffte mechanische Teppichkehrer ist erstaunlich effektiv. Wenn ich zwei Mal in der Woche das Gehäuse aufklappe um Fusseln, Staub und Krümel aus den Kammern in den Garten zu schütteln, bin ich jedes Mal überrascht, wie viel Schmutz sich mit den drei durch einfaches Hin- und Herschieben in Rotation versetzten Bürsten auffegen lässt. Trotzdem schadet es nicht, den Teppich alle paar Monate ganz klassisch draußen aufzuhängen und kräftig zu klopfen, um auch den feinen Staub, den keine Bürste erfassen kann, zu entfernen. Dafür waren die letzten warmen Tage wie geschaffen und so haben wir unseren Schurwollteppich, der sich dank seiner Selbstreinigungskräfte beinahe ganz allein pflegt, und die Vorhänge aus Wollfilz, denen man die gleichen Fähigkeiten nachsagt, über die improvisierte Teppichstange aus Sisal gehängt, stundenlang Wind und Sonne ausgesetzt und die ihnen eigenen Sauberkeitsbemühungen schlagkräftig unterstützt. Hätte ich ein Kopftuch umgebunden, eine bunte Kittelschürze an und stünde mit dem Teppichklopfer in einem düsteren Berliner Hinterhof, würde ich wohl meinen, weit genug auf dem  Zivilisationsweg des modernen Menschen mit all seinen bequemen, aber der Umwelt oft nicht gerade zuträglichen Gebrauchsgütern zurückgegangen zu sein. Bis hierher und nicht einen Schritt weiter, hätte ich vermutlich gesagt, denn schwere Teppiche viele Etagen hinunter zu schleppen und irgandwann wieder hinauf, ist kein vergnügliches Ding, genau wie Kohlen aus einem unheimlichen dunklen Kellerloch, wie ich es aus meinen Berliner Anfängen noch gut erinnere, viele Treppen hochzuholen um jedes Zimmer zu heizen, oder etwa auch Wäsche für eine vielköpfige Familie ohne Maschine auf dem Waschbrett zu rubbeln. Hier aber mit dem kleinen Haus, in dem nur zwei Leute und ein Hund leben, dem großen Garten vor der Tür, in den sich so vieles auslagern lässt, bin ich noch nicht soweit, vom Weg zurück zu sagen: Es reicht! Denn den Ofen mit dem Brennholz vor der Tür zu betreiben ist längst Routine geworden, das Waschen per Hand und Waschstraße jetzt im Sommer ein richtiger Spaß, Teppiche klopfen hin und wieder kein Thema und dem Auto, da es einmal weg ist und uns nicht mehr in Versuchung führt, weinen wir ebenfalls keine Träne hinterher. Irgendein kluger Mensch hat einmal sinngemäß gemeint: "Jede Kultur muss von der Verfeinerung zur Vereinfachung voranschreiten." Und aus der Geschichte könnte man den Satz fast als Überlebensformel ableiten, denn kein Weltreich, keine Hochkultur konnte dem Niedergang entgehen, sobald sie erst einmal den Zenit der Unverhältnismäßigkeiten überschritten und einen Grad der Komplexität erreicht hat, der sie unempfänglich für simple Lösungen macht. Wenn daher jeder für sich bewusst das rechte Maß sucht - beim einen geht eben mehr, beim anderen weniger - und wir dabei auch noch kritisch das große Ganze im Auge behalten, lässt sich das scheinbar Unvermeidliche, das auch unserer Hochkultur drohen könnte, vielleicht doch noch abwenden.      

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