Die alte Lise

Endlich ist es fertig, das stille Örtchen in unserem Badezimmer. Wie habe ich mich gefreut, die weiße, sterile, eigentlich klinisch anmutende Wasserklosett-Schüssel abzumontieren und gegen die warme natürliche Holzkonstruktion einzutauschen. Jetzt ist es wirklich ein stiller Ort geworden, denn das Wasserrauschen, das sonst anzeigt, dass weit weggespült wird, was wir nicht ansehen mögen und nicht gebrauchen können, ist Vergangenheit. Nun rieselt es leise Sägespäne zur Geruchsbindung und für die schnellere Kompostierung. Der Kreis schließt sich - beinahe wie auf einem Demeter-Hof, zu dem eine Mutterkuhherde gehört, mit deren Dung die Felder genährt werden, um die guten Erträge dann wiederum Mensch und Tier zu Gute kommen zu lassen. Statt also das, was unseren Garten nähren kann, mit hohen (Wasser-)Kosten zu entsorgen, behalten wir unseren Mist ganz im Sinne einer Kreislaufwirtschaft selbst, verbessern mit ihm zum Vorteil der Pflanzen unseren Boden und erfreuen uns am Ergebnis. Eigentlich doch die normalste Sache der Welt, sobald man sich gedanklich darauf eingelassen hat, nicht mehr zuzulassen, dass die einfachsten Verrichtungen des Lebens immer komplizierter, lebensferner und teurer werden. Das erinnert mich an eine Begebenheit, von der ich einmal las und die sich so oder ähnlich wohl tausendfach abgespielt hat: Es war einmal ein alter Bauer, der die wenigen Felder, die er besaß, mit seinem Pferd, der alten Lise, bestellte. Als sein Sohn, der in der Stadt lebte und zu Geld gekommen war, ihm zur Erleichterung seiner Arbeit einen Traktor schenken wollte, wehrte er sich standhaft, sich von seinem Pferd, das ihm lange schon ein treuer Kamerad war, zugunsten einer lauten Maschine zu trennen. Seine unausgesprochene, aber nicht minder wichtige Einsicht hinter seiner Weigerung aber blieb dem Sohn verschlossen. Der alte Mann erkannte nämlich, dass er durch den Einzug des Treckers seine bisherige Unabhängigkeit aufgeben müsste. Mit seiner Lise und den Feldern hatte er in einem in sich geschlossenen, funktionierenden System gelebt: Das Pferd gab ihm seine Arbeitskraft fürs Pflügen und den Feldern lieferte es den Dünger für gute Ernten. Im Gegenzug hatte es einen warmen Stall und immer satt zu Essen. Von äußeren Zulieferungen waren die beiden weitgehend frei. Ein Traktor dagegen benötigte Benzin, das nicht auf den Feldern wuchs und das ihn zwingen würde, vom Bauern zum Händler zu werden, der Geld verdienen musste um zu kaufen, wovon er abhängig (gemacht) worden war. Was dem jungen Mann wie sture weltabgewandte Uneinsichtigkeit, wie eine Unaufgeschlossenheit den modernen Errungenschaften gegenüber vorkam, war für den alten die Bewahrung seiner Souveränität, die ihm wichtiger war als alle Bequemlichkeit.

Und um das Gleichnis auf meinen Badezimmer-Alltag zu übertragen: Das Wasserklosett ist der Trecker, das städtische Trinkwasser sein Benzin und unsere Komposttoilette die alte Lise.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Nüket (Mittwoch, 24 Juli 2019 21:34)

    Das nennt man dann wohl: auf dem eigenen Mist gewachsen. Ich bewundere eure Konsequenz und eure Autarkie sehr.