Der selbe Traum

Es gibt Kulturen, deren Begriffe für gestern und morgen identisch sind. Sie leben im Jetzt, Vergangenheit und Zukunft sind nur Teile der selben Ursuppe. Mit einer anderen Vorstellung, von der ich irgendwann einmal las, kann man sich diese Denkweise verdeutlichen: Das Leben ist das, was wir sehen, wenn wir mit einer Kerze durch einen dunklen Wald gehen. Die Flamme beleuchtet den aktuellen Moment, macht aus dem immer Dagewesenen und immer Seinwerdenden ein Erleben, das scheinbar gerade erst entsteht. Wer dagegen den ganzen Wald sehen will, der braucht mehr Licht und eine andere Perspektive. Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, in Träumen oder Visionen, auf schamanischen Reisen, während Nahtodzuständen oder mithilfe von Drogen diese höhere Perspektive einzunehmen und vielleicht ist diese Sehnsucht sogar das wesentlich verbindende Element aller Kulturen, die einzig wahre Frage, nach deren Antwort wir alle suchen. Wie sieht der ganze Wald aus, woher kommt er und wozu ist er da? Dafür werden Friedenspfeifen geraucht, Pilze gegessen, gebetet, gefastet, geträumt mit offenen und geschlossenen Augen und ich glaube, nicht nur die Menschen als Vertriebene aus dem Paradies tun das, auch sehr viele Tiere. Die Kühe bestimmt, Löwen?, Wölfe?, unsere Anouk gewiss. Sie kann stundenlang draußen herumliegen, vor sich hindösen und wirkt dabei so zufrieden, als wäre sie in den ewigen Jagdgründen unterwegs, unternähme Reisen in andere Sphären, hörte Klänge, sähe Bilder, die wir nicht wahrnehmen und machte von dort aus kleine Abstecher zurück in die Waldwandelwelt, in der sie uns trifft. Mitgebracht von unterwegs hat sie von Anfang an ihr sicheres Wissen, dass der Gästehausgarten zu uns gehört - lange bevor unser eigenes kleines Licht beim Gang durch den Wald darauf fiel. Nie hat sie akzeptiert, dass wir es besser wissen wollten und das zunächst noch fremde Grundstück vor ihr einzäunten. Stets behandelte sie es wie ihr eigenes und jetzt, da sie dort liegen darf, scheint sie zu sagen: Hab' ich Euch doch gleich gesagt! Ihr mit Euren Ideen von Gestern und Morgen, ist doch alles nur der selbe Traum.       

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