Bloßgelegt

Eine lange Reihe heißer Tage neigt sich dem Ende zu. Innerhalb weniger Stunden ist es abgekühlt, ein frischer Wind weht durch den Garten und abgestorbene Kiefernadeln regnen von den Bäumen. "Es wird Herbst" sagen wir beim Anblick unisono und nehmen gedanklich Abschied vom kühlen Bad in der Hardau, von der Dusche mit dem von der Sonne erhitzten Wasser aus dem Gartenschlauch, vom Barfußlaufen, von der Hängematte unter der Buche, vom Frühstück und Abendessen auf der Terrasse, vom Jubeln über die Größenrekorde der gelben und roten Beete, vom Staunen und Ernten und von der Dankbarkeit, weil wir schon jetzt mehr haben, als wir brauchen. Der Herbst bringt andere Freuden: Ein Feuer im Ofen, das nach einem langem Spaziergang seine unvergleichliche Wärme spendet, ein deftiger Sauerkrauteintopf, Kuscheln unter wollenen Decken und viele Stunden lesen und reden und versuchen, die Welt zu verstehen, die sich so schnell gewandelt und die tiefsten und stärksten Antriebe der Menschen bloßgelegt hat. Viele erkannte man nicht wieder, auch nicht ohne ihre Maske. Die Menschen sollten sich Feind werden in diesem Sommer. Fremd geworden sind sie sich. Glücklich, wer da jemanden an seiner Seite hat, der vertraut blieb, und wer einen Zufluchtsort sein Eigen nennt, an dem die Fremdheit heilen kann. Vielleicht in diesem Herbst an einem tröstlichen Feuer ...  

Kommentar schreiben

Kommentare: 0