22. Oktober 2018
Als meine Schwester unser Häuschen zum ersten Mal umrundete und wir über den bevorstehenden Winter sprachen, meinte sie spontan: "Ich würde Strohballen an den Wänden aufschichten. Dann habt Ihr es in jedem Fall warm!" Ich sah unser gerade erst frisch rot gestrichenes Schwedenhaus hinter langweiligen Strohwänden versteckt und begrub die Idee umgehend. Vergessen aber war sie nicht. Unwirtlichkeiten, die wir im Überschwang der ersten Jahre im Wald mit leichtem Herzen hinnahmen, sind nun zu...
19. Oktober 2018
Jetzt im Oktober tragen sie überall im Wald und auch in unserem Garten kleine rote Früchte. Maiglöckchen sind meine Lieblingsblumen seit ich sie im Schrebergarten meiner Eltern in dem großen, runden, von einem tief in die Erde ragenden Metallband eingefassten Beet vor der Gartenlaube entdeckte. In der Blütezeit stand ich eingehüllt in ihren berauschenden Duft oft davor und bewunderte die kleinen, weißen, wie altmodische Nachthauben geformten Blüten, die so bescheiden wirkten zwischen...
17. Oktober 2018
Diese prachtvolle Eiche steht am Rand des Pilgerweges zum nächsten Dorf. Der Boden zu ihren Füßen ist mit Eicheln übersät. Ein Herbst in Mastjahren wie diesem ist nicht nur für viele Tiere des Waldes eine Festzeit, sondern auch für die Hausschweine, die sich damals und in einigen Gegenden noch heute in den Wäldern an ihrem Überfluss labten. So sind die Eicheln über den Umweg eines wohl genährten Schweines ein wertvolles Lebensmittel für den Menschen. Noch im Mittelalter waren die...
15. Oktober 2018
Wenn man aus der Großstadt kommt, muss man sich erst daran gewöhnen, dass überall Essen herumliegt. Die Apfelbäume an den Feldwegen tragen auch dieses Jahr gut, Kartoffeln kann man stoppeln, Möhren, Rote-Bete und Zwiebeln finden sich nach der Ernte auf den Feldern. Im letzten Jahr standen die Kohlköpfe auch nach der Reife weiter auf den Äckern und wurden entweder von den Schafen, die man eigens dorthin trieb, gefressen oder gleich untergepflügt. Ich hätte Unmengen Sauerkraut oder...
10. Oktober 2018
Die gesamte rückwärtige Grenze gehört ursprünglich zum Gästehausgarten, der wie unserer auch, eine dreieckige Grundform hat. Der Garten unseres Hauses läuft nach hinten spitz zu und mündet halb verborgen von der kleinen Hütte in einer schmalen Gartenpforte, die nun nicht mehr existiert. Das Grundstück des Gästehauses schmiegt sich an unseres, teilt mit ihm die längste Seite des Dreiecks, verjüngt sich dagegen aber zum Eingangstor. Zusammen bilden die Gärten ein Quadrat. Lange habe...
09. Oktober 2018
Unser erster Herbst im Wald überraschte uns mit einer wahren Pilzschwemme. Jeden Tag traf ich Menschen mit Körben auf der Suche nach Maronenröhrlingen, die ich dann schnell unterscheiden lernte und ebenfalls sammelte. Steinpilze wuchsen in unserem Garten und rot leuchtende Fliegenpilze erfreuten mich an jeder Ecke. In ihrer makellosen Schönheit schienen sie alten Märchenbüchern entnommen und ihre geheimnisvolle Ambivalenz nahm mich für sie ein. Eine große Vielfalt weiterer Pilze sorgte...
07. Oktober 2018
Wer kennt sie nicht, die Kippbilder, bei denen man mal das eine, mal das andere Objekt erkennt, niemals aber beide gleichzeitig. Ente oder Hase, junge oder alte Frau, Gesichter oder Vase etc. Man weiß, beide Bilder sind da, wahrnehmen kann man aber immer nur eines von ihnen. Was, wenn es niemals kippt? Dann bleibt einem eine Seite der Wirklichkeit verborgen. Was wir sehen ist nicht die Welt wie sie ist, eher sind die Sinneseindrücke ein Ideenpool, aus dem sich das Gehirn bedient, um mit ihrer...
05. Oktober 2018
So langsam bekommt der Gästehausgarten Struktur. Ein Beet hat sich mitten in den Weg platziert und ermahnt mit seinem luftig grazilen und gleichzeitig urwüchsigen Flechtzaun aus gewundenen und gegabelten Rhododendronästen den höflichen Besucher, sich dem Haus nicht mehr auf direktem Weg, sondern in einem respektvollen Bogen zu nähern. Einst wird hier eine grüne Insel aus wucherndem Holunder, meterhoher Schlehe, Honigbeere und kleinwüchsigem Flieder stehen, die auch optisch den direkten...
02. Oktober 2018
Armer alter Besen. Wind und Wetter haben ihm kaum zugesetzt, aber die eintönige Arbeit hat ihn den Schwung gekostet. Verschlissen ist er, hart und kratzbürstig. Seine Welt war klein. Jederzeit zum Einsatz bereit, verbrachte er sein Leben an der Hausecke. Die Terrasse wurde zu seiner Bestimmung. Nur gelegentlich umrundete er das Haus, um Spinnweben aus den Ecken zu wischen. Dann ist er schon weit gekommen. Jetzt ersetzt ihn ein Jungspund und er bezieht einen Alterssitz auf der Veranda des...
27. September 2018
Wenn ich die Treppe zwischen den beiden am Ende der Siedlung gelegenen, unbewohnten Waldgrundstücken hinunter ins Tal gehe und mich nach rechts wende, folge ich dem Flüsschen Hardau bis zum nächsten Dorf. An seinem Ufer wächst ungeachtet der allgemeinen Trockenheit in diesem Jahr wieder alles üppig. Auch der Hopfen. Er schlingt sich kletternd meterhoch um jede Stütze, die sich ihm anbietet, Bäume und Büsche oder totes Holz. Zuerst habe ich ihn nicht beachtet. Er ging wie die meisten...

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