11. Dezember 2018
Um ein Hühnergott zu sein, muss man ein Loch im Stein haben. Erst das macht ein einfaches Mineral zum Talisman, der vor den Tollheiten der Hausgeistin Kikimora schützen kann. Und da Kikimora nach alter Überlieferung ein zänkisches Weib ist, das menschliches Schicksal in ihrer Hand hält, sogar den Lebensfaden bemessen kann und Magie eine Frage des Glaubens ist, habe ich die beiden in einem Haufen Lesesteine entdeckten Hühnergötter dankbar aufbewahrt, um sie bei passender Gelegenheit...
09. Dezember 2018
In der ganzen Zeit im Wald reichte mir das große Feuer im Kamin. Kerzenschein hielt ich neben den lodernden Flammen im Ofen für ein Zuviel des Guten. Jetzt aber nach den Jahren der Gewöhnung und in der früh einsetzenden Dunkelheit, dem Wind und Regen, die einen ins gemütliche Haus treiben, hatte ich plötzlich Sehnsucht nach einer kleinen zitternden Flamme auf meinem Tisch und dem warmen goldenen Lichtkreis, den sie auf das rotbraune Kiefernholz zaubern würde. Kerzen hatten wir nicht im...
05. Dezember 2018
Ein langersehnter Anblick: Das Regenfass an der hinteren Ecke des Hauses ist wieder voll. Den Sommer über stand es nutzlos unter dem Ablauf der Regenrinne. Nur selten hatte es etwas zu tun und wenn es doch einmal Arbeit gab, war es umständehalber erkrankt und nicht zu gebrauchen. Dann sickerte das wenige kostbare Nass, das es auffangen sollte, zwischen seinen ausgetrockneten Dauben gleich wieder hindurch. So wartete das alte Fass auf bessere Zeiten und die kamen mit der letzten Regenperiode....
02. Dezember 2018
Die Zwerge haben Zuwachs bekommen. In unserem Zwergenschutzgebiet hinter dem Haus hat sich zum Lesenden neben seinem Birkenstumpf und dem Erdbeerzwerg am hohlen Stein nun als nachbarschaftliches Geschenk ein Schläfer gesellt. Er hütet die Schwelle zum Keller wie zum Reich seiner Träume. Wenn die Büsche belaubt sind, das Blaubeerkraut hoch steht, die Birke üppig treibt, sind unsere Zwerge kaum zu sehen und daher beinahe so unwirklich für uns, wie ihr geistiges Pendant dem Realisten schon...
28. November 2018
Es soll Großstadtkinder geben, die nicht wissen, woher die Milch kommt. Bestimmt aber gibt es Großstädter, die nur eine unvollständige Vorstellung davon haben, wie der Zucker in die Tüte kommt. Hier wächst er auf den Feldern soweit das Auge reicht, d.h. natürlich die Knolle, aus der er gewonnen wird. Nach der Ernte türmen sich Gebirgszüge aus Zuckerrüben am Rand der Äcker und vermitteln eine Ahnung von der Bedeutung des süßen Stoffes für unsere Ernährung. Zu verdanken ist sie...
22. November 2018
Irgendein (bestimmt) kluger Mensch hat einmal das Grundrecht auf einen Hund postuliert und den Gedanken aus unserer gemeinsamen Geschichte, Kultur und Sozialisation hergeleitet. Und auch der Hund würde wohl ein Grundrecht auf den Menschen einfordern, denn wie kein anderes Tier hat er sich dem Menschen (freiwillig) angeschlossen und verbrüdert, keinem anderen Wesen ist der Mensch mehr Artgenosse als die eigene Spezies. Das gilt auch umgekehrt für so manchen Menschen. Da ist der Hund der...
20. November 2018
Alles begann mit dem Feuer, das während der dunklen, kalten Monate in unserem kleinen Haus im Wald eine so große Bedeutung hat. Das tröstliche Frühjahr kam, ein grandioser Sommer folgte und nun der Herbst, der schon Zeitfenster öffnet für die klirrenden Tage des Winters. So schließt sich der Kreis und noch immer sitze ich Morgen für Morgen in der blauen Stunde am Tisch. Auch heute, während der Wind wütend Zapfen und Äste schleudert und mit den Mobiles an die Wände klopft, als wollte...
18. November 2018
Wir haben es gut. Mit vielen unangenehmen, schmutzigen, blutigen Verrichtungen des Lebens haben wir wenig zu schaffen. Sie lassen sich leicht ausblenden. Die Stadtreinigung holt unseren Wohlstandsmüll ab und verbrennt ihn oder karrt ihn gar bis Kambodscha oder Vietnam (China will ihn ja nicht mehr), wo er für uns unsichtbar wird. Die schmutzige Wäsche vertrauen wir der Maschine, unsere Fäkalien dem Klärwerk an. Das geschlachtete Tier kommt sauber verpackt, der Fisch ausgenommen ins Haus....
15. November 2018
Ein Elfchen an den Herbst: Herbst - einatmen tief - lange Weile ersehnen - die Wehmut brüten lassen - warten. Düstere Gedanken finden im herbstlichen Garten ihre Entsprechung. Wie sollte man sich nicht anstecken lassen und unberührt bleiben, wenn die Farben vergehen, alles Lebendige zur Erde sinkt wie nach einer furchtbaren Katastrophe und übrig bleiben nackte Äste wie Gerippe. Sie erinnern an den Knochenmann mit seiner Sense. Wir sind dem Tode geweiht, es ist beschlossen. Wer da nicht...
12. November 2018
Seit ich zum ersten Mal vor rund drei Jahren einen Kartoffelroder übers Feld ziehen sah, hatte sich der Vorsatz verfestigt, einmal auf einem mitzufahren. Jetzt bot sich die Gelegenheit und ich trug meine Vorfreude auf diese - so meinte ich - archaische Arbeit gleich weiter, um prompt mit einem "damals" von einer nicht viel älteren Frau als ich selbst, meiner idyllischen Vorstellungen beraubt zu werden. "Damals" nämlich, als sie ein Kind war, wurden die Kartoffeln noch per Hand geerntet. Die...

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